Praga Caput Regni


Nachts im Bunkr Livemusik bei frisch gezapftem Budvar und tagsüber Fotoarbeiten für das Referat vom St. Veits Dom - das sind meine ältesten Erinnerungen an eine der schönsten Städte Europas. Damals war der tschechische Staat noch jung, an der Grenze wurde der Pass von schwer bewaffneten Soldaten kontrolliert und ein Hauch von Glasnost wehte einem um die Nase. Die Hotels im Bezirk Prag 4 waren für uns unfassbare Betonklötze, aber die Menschen in der Kneipe neben dem Hotel unglaublich herzlich. Nach dem Frühstück im Hotel ging es mit der Metro direkt in die historische Altstadt. Sobald man die langen Rolltreppen der Metro Station Muzeum verlassen hatte bot sich ein toller Blick auf den geschichtsträchtigen Wenzelsplatz.

Auf dem Weg vom Wenzelsplatz bis hin zur Prager Burg wurde sichtbar, warum die Studienfahrten unserer Fachoberschule für Gestaltung immer wieder in die Hauptstadt der Tschechischen Republik führten. Die unglaubliche Dichte der architektonischen Vielfalt in der historischen Altstadt ist wohl weltweit einzigartig und unser Lehrer in Kunstgeschichte lief in den fünf Tagen auf Hochtouren. Der Pulverturm, die astronomische Uhr am alten Rathaus, die Burg mit St.-Veits-Dom und natürlich die Karlsbrücke sind da nur ein kleiner Teil der Sehenswürdigkeiten. Und jetzt 28 Jahre später bekomme ich die Gelegenheit an der goldenen Stadt der hundert Türme mitzubauen. Praga Caput Regni ist ein Expertenspiel für ein bis vier Personen von Vladimír Suchý in dem wir versuchen das mittelalterliche Prag ganz nach den Wünschen unseres Königs Karl IV zu gestalten.

Auf nach Prag

Für die erste Partie von Praga Caput Regni sollte man auf jeden Fall etwas Zeit einplanen. Aus den zahlreichen Stanzbögen müssen zuerst der St.-Veits-Dom, die Hungermauer und die Karlsbrücke als 3D-Komponenten zusammengebaut und teils verklebt werden. Auch der Aktionskran und die Spielertableaus sind zweilagig und verlangen etwas Bastelarbeit. Die weitere Spielvorbereitung geht dann aber recht flott und wird in der Anleitung ausführlich beschrieben. Jeder Spieler erhält ein Aktionstableau und ein Spielertableau auf dem die Anzahl seiner Ressourcen festgehalten wird.

Schöner bauen

Der grundsätzliche Spielablauf ist schnell erklärt. In seinem Zug wählt der Spieler ein Aktionsplättchen vom Aktionskran und führt die Aktion und ggf. eine Zusatzaktion aus. Danach wird das Aktionsplättchen zurückgelegt und der Aktionskran weitergedreht. Das Spiel endet, sobald jeder Spieler sechzehn Züge hatte. Insgesamt gibt es sechs mögliche Aktionen:

  1. Minen ausbeuten: Der Spieler kann entweder Gold in der Höhe seiner Minen produzieren, oder ein Gold und eine weitere Goldmine erhalten
  2. Steinbrüche ausbeuten: Der Spieler kann entweder Stein in der Höhe seiner Minen produzieren, oder ein Stein und einen weiteren Steinbruch erhalten
  3. Aufwertung: Der Spieler platziert ein ausliegendes Aufwertungsplättchen auf seinem Aktionstableau
  4. Mauerbau: Der Spieler platziert ein ausliegendes Plättchen aus der Mauerreihe an seinem Aktionstableau
  5. Gebäudebau: Die Spieler platziert ein ausliegendes Gebäudeplättchen auf dem Spielplan
  6. Bau des Königswegs: Der Spieler zieht seine Figur auf dem Königsweg

Bei den wenigen Aktionsmöglichkeiten, könnte man Fragen, wo denn da das Expertenspiel steckt, aber bereits beim wählen eines Aktionsplättchens vom Aktionskran gibt es bereits zahlreiche Effekte. So kann es z. B. sein, dass man für Aktionen Bonuspunkte erhält, oder diese gar mit Gold bezahlen muss. Diese Synergieeffekte verstärken sich noch einmal bei den zu wählenden Aktionen z. B. beim Mauer- und Geländebau und dem Bau des Königswegs.

Beim Mauerbau wählt der Spieler eines der ausliegenden Mauerplättchen, entrichtet die Kosten für den Bau und legt es an sein Aktionstableau. Jeweils in der Mitte sind die Belohnungen für den Bau abgebildet. Hat der Spieler bereits weitere Mauerplättchen an seinem Aktionstableau kann es zusätzliche Belohnungen (Eckenbonus, Nachbarschaftsbonus) für den Bau geben. Viele Mauerplättchen ermöglichen Bewegungen auf den Stufen der Hungermauer wo es dann ggf. weitere Punkte zu holen gibt.

Die Möglichkeiten beim Gebäudebau sind noch vielfältiger. Hat man ein Gebäudeplättchen gewählt muss man sich zuerst für einen Bauplatz entscheiden. Der Königsweg trennt die Stadt in Altstadt und Neustadt. Die Bauplätze in der Altstadt sind besonders begehrt und daher teurer. Neben den Baukosten muss dort also auch noch das Grundstück bezahlt werden. Sobald ein Marktplatz von Gebäuden umschlossen ist gibt es für die Bauherren einen Marktplatz-Bonus und wie auch beim Mauerbau gibt es ggf. einen Ecken- und Nachbarschaftsbonus. Viele Gebäudeplättchen ermöglichen Bewegungen auf den Stufen des St. Veits Dom.

Beim Bau des Königswegs gelangt man irgendwann über die Straßenfelder zur Karlsbrücke. Die Effekte auf den Straßenfeldern werden direkt ausgeführt, müssen aber teilweise bezahlt werden. An der Karlsbrücke kauft der Spieler Planken und erhält die abgebildeten Belohnungen. Je nachdem, wo der Spieler die Planke auf der Brücke platziert gibt es weitere Belohnungen.

Auf den Spielertableaus gibt es neben den den Ressourcen für Stein und Gold zwei weitere Leisten:

  • Über die Technologieleiste kann man Technologieplättchen bekommen. Die Plättchen Level I und zwei verleihen dabei dauerhafte Effekte und Plättchen mit Level III oder IV können einmalig eingesetzt werden.
  • Rückt der Spieler auf der Leiste der Karls-Universität vor gibt es Siegpunkte

Auch bei der Endwertung gibt es noch einmal jede Menge Punkte zu holen. Nicht ausgewertete Marktplätze, Mauern und natürlich die Stufen von Hungermauer und St. Veits Dom bringen jede Menge Punkte. Eier haben im Spiel eine besondere Bedeutung und geben auch am Ende nochmal Punkte.

Hat man gerade keine Mitspieler zur Hand kann man sich auch allein auf die Reise nach Prag machen. In diesem Modus geht es darum Punkte zu machen. Delicious Games haben auf der Internetseite einen weiteren Solomodus veröffentlicht, bei dem man gegen den besten Baumeister von König Karl IV antritt. Das Spiel gegen Peter Parler ist deutlich spannender als der normale Solomodus. Alle benötigten Dateien finden sich unter: deliciousgames.org/praga-caput-regni-en

Wann geht es wieder nach Prag?

Die kurze Antwort lautet: am liebsten gleich, denn auf dem Brett werden wir in Zukunft öfter zu Gast in Prag sein. Das Spiel hat uns total begeistert. Nach ein bis zwei Partien hat man den grundlegenden Spielablauf verinnerlicht. Danach bietet das Spiel aber unzählige Möglichkeiten sich strategisch zu entfalten. An jeder Ecke gibt es Punkte zu holen, wobei die zahlreichen Synergieeffekte den Hauptreiz des Spiels ausmachen. Der Aktionskran bestimmt Preis und Belohnungen für Aktionen und ist das haptische Highlight des Spiels. Auf eine einfache aber effektive Weise regelt er zudem die Rundenzahl und blockiert, sobald das Spielende erreicht ist. Die tollen haptischen Elemente finden sich auch auf den Spielertableaus wieder.

Ein weiterer sehr positiver Aspekt ist die kurze Spielzeit, die bei der Komplexität ihres gleichen sucht. Zu zweit ist man innerhalb von einer Stunde durch. Dabei ist der Verlauf einer Partie aber immer anders und kann durch austauschbare Plättchen für Hungermauer, Domstufen und Karlsbrücke noch zusätzlich beeinflusst werden. Und wen die 3D-Komponenten stören z. B. bei einer Runde zu viert können diese einfach weglassen. Domstufen und Hungermauer sind auf dem Spielplan abgedruckt. Die Anleitung ist verständlich und bietet auch geschichtliche Hintergrundinformationen zu den im Spiel vorkommenden Bauwerken. Wer hätte gedacht, dass der Legende nach Eier als Mörtel für die Karlsbrücke verwendet wurden?

Einige kleinere Kritikpunkte gibt es aber dann doch: Die Vielzahl der Synergieeffekte und dass bunt gestaltete Spielbrett verwirren am Anfang auch erfahrene Spieler. Praga Caput Regni ist außerdem das erste Spiel für das ich mir ein Inlay geleistet habe. Bei der Menge an tollem Material wäre es schade, wenn alles lose in der Schachtel umherfliegt. Der etwas aufwändige Zusammenbau der Komponenten vor der ersten Runde ist sicherlich auch nicht jedermanns Sache. Diese Punkte fallen aber nicht wirklich ins Gewicht. Praga Caput Regni ist für uns eines der besten Expertenspiele, die im vergangenen Jahr auf den Markt gekommen sind.

Spieleranzahl: 1-4 | Alter: 12+ | Spieldauer: 45-150 Minuten | Erscheinungsjahr: 2020
Autor: Vladimír Suchý | Illustration: Milan Vavron | Verlag: Delicious Games
Weitere Informationen: deliciousgames.org/praga-caput-regni-en

  • 1 Hauptspielplan
  • 4 Spielertableaus
  • 6 Aktionsplättchen
  • 2 Aktionstableaus
  • 9 Plastiknieten
  • 4 Punktescheiben
  • 4 Königswegfiguren
  • 44 Markierungswürfel
  • 2 Zugzähler-Markierungswürfel
  • 30 Aufwertungsplättchen
  • 36 Gebäudeplättchen
  • 36 Mauerplättchen
  • 8 Produktionsplättchen
  • 24 Technologieplättchen
  • 2 Schnellübersichten
  • 1 Hungermauer
  • 1 Dom
  • 3 alternative Hungermauerplättchen
  • 3 alternative Domplättchen
  • 3 Königswegplättchen
  • 1 Karlsbrücke
  • 12 Brückenplättchen
  • 11 Marktplatzplättchen
  • 30 Bonusplättchen
  • 8 Bonusplättchen Wert 3
  • 6 Goldfenster
  • 14 Silberfenster
  • 12 Eier
  • 4 Eier Wert 3
  • 1 Plättchen '5 Punkte'

Karl IV wurde zum böhmischen König und Herrscher des Heiligen Römischen Reiches gekrönt. Von seiner Burg in Prag aus überwacht er die Errichtung neuer Befestigungsanlagen, einer Brücke über die Moldau, einer Universität und eines Doms, der sich innerhalb der Mauern der Burg erhebt. Prag gehört bereits zu den größten Städten Europas. König Karl wird Prag zur Hauptstadt eines Imperiums machen!

Ihr werdet zu wohlhabenden Bürgern, die diverse Bauprojekte im Prag des Mittelalters durchführen. Indem ihr euren Reichtum vergrößert und viele Bauten errichtet, steigt ihr in der Gunst des Königs. Ihr habt die Wahl aus 6 jederzeit verfügbaren Aktionen, deren ständig wechselnde Kosten und Nutzen ihr im Blick haben müsst. Ihr werdet rasch die Synergieeffekte zwischen sorgsam geplanten Aktionen und den Belohnungen durch öffentliche Bauten entdecken. Bei Spielende gewinnt derjenige, der König Karl am meisten beeindrucken konnte.

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04.06.2021 - Stefan